Der Odenwald ist nicht nur für seine dichten Mischwälder und sanften Hügel bekannt, sondern auch als ein Land voller dunkler Geheimnisse. Wo heute gut markierte Wanderwege durch die Natur führen, fürchteten sich die Menschen früher vor Geistern, Riesen und Drachen. Wenn im Herbst der Nebel durch die Täler zieht, scheint die Grenze zwischen Realität und Mythos noch heute zu verschwimmen. Wir nehmen dich mit auf eine schaurig-schöne Reise zu den fünf berühmtesten Legenden der Region.
1. Der Meuchelmord am Drachentöter (Nibelungensage)
Schauplatz: Grasellenbach (und andere Odenwald-Gemeinden)
Das berühmteste deutsche Heldenepos findet seinen tragischen Höhepunkt mitten im Odenwald. Der beinahe unverwundbare Held Siegfried von Xanten befand sich mit König Gunther und seinem finsteren Widersacher Hagen von Tronje auf der Jagd. Als der durstige Siegfried seine Waffen ablegte und sich über eine kühle Waldquelle beugte, nutzte Hagen die Gelegenheit: Er stieß seinen Speer genau in jene Stelle zwischen Siegfrieds Schulterblättern, an der einst ein Lindenblatt den Schutz durch das Drachenblut verhindert hatte. Noch heute streiten sich mehrere Odenwald-Gemeinden (darunter Grasellenbach, Heppenheim und Amorbach) erbittert darum, wo sich der "echte" Siegfriedsbrunnen befindet.
2. Die wilde Jagd des Rodensteiners
Schauplatz: Ruinen Rodenstein und Schnellerts (Fränkisch-Crumbach)
Wenn nachts ein ohrenbetäubender Lärm aus Hundegebell, Pferdegetrappel und Waffenklirren über die Baumwipfel des Gersprenztals fegt, wissen die Einheimischen: Der Rodensteiner reitet wieder! Der Legende nach verfluchte der Ritter Hans von Rodenstein einst im Zorn seine hochschwangere Frau und ist seither dazu verdammt, keine Ruhe zu finden. Wann immer ein Krieg auszubrechen droht, erhebt er sich mit seinem Geisterheer aus dem Grab und zieht krachend durch die Lüfte von der Burgruine Schnellerts zur Burg Rodenstein, um die Menschen vor dem nahenden Unheil zu warnen. Ist der Krieg vorüber, zieht das Heer lautlos zurück.
3. Der Zorn der Riesen im Felsenmeer
Schauplatz: Das Felsenmeer am Felsberg (Lautertal)
Wer vor dem gigantischen Felsenmeer steht, kann sich kaum vorstellen, dass diese riesigen Gesteinsmassen bloß das Werk der Natur (oder römischer Steinmetze) sein sollen. Die Sage liefert eine weitaus fantastischere Erklärung: Einst lebten im Odenwald zwei Riesen, Bodo auf dem Felsberg und Fasolt auf dem gegenüberliegenden Hohenstein. Eines Tages gerieten sie in einen gewaltigen Streit und begannen, sich gegenseitig mit haushohen Felsbrocken zu bewerfen. Der Riese vom Felsberg hatte den strategischen Vorteil von mehr Gestein und begrub seinen Feind schließlich unter einer gewaltigen Steinlawine – dem heutigen Felsenmeer. Man sagt, man könne den besiegten Riesen noch heute unter den Steinen stöhnen hören.
4. Ritter Georg und der Lindwurm
Schauplatz: Burg Frankenstein und Nieder-Beerbach (Mühltal)
Lange bevor Mary Shelleys Roman der Burg Frankenstein weltweiten Ruhm einbrachte, fürchteten sich die Menschen hier vor einer anderen Bestie. Ein riesiger, menschenfressender Lindwurm (ein Drache) hauste in einem dichten Waldstück nahe der Burg. Der mutige Ritter Georg von Frankenstein beschloss, das Ungeheuer im Alleingang zu töten. In einem epischen Kampf gelang es ihm, den Drachen zu erschlagen. Doch als sich das sterbende Biest noch einmal aufbäumte, durchbohrte ein giftiger Stachel aus seinem Schwanz die Rüstung des Ritters. Georg starb an dem Gift. Sein prachtvolles steinernes Grabmal, das ihn im Kampf mit dem Drachen zeigt, ist bis heute in der Kirche von Nieder-Beerbach zu sehen.
5. Der weiße Geisterhund auf der Starkenburg
Schauplatz: Starkenburg (Heppenheim)
Hoch über den malerischen Weinbergen von Heppenheim thront die Starkenburg, in deren tiefsten Verliesen ein unermesslicher Goldschatz verborgen liegen soll. Doch wer versucht, den Schatz zu stehlen, wird sein blaues Wunder erleben. Bewacht wird der Reichtum von einem furchteinflößenden, riesigen weißen Geisterhund mit feurig glühenden Augen. Zahlreiche gierige Schatzsucher, die sich nachts in die Ruine schlichen, sollen von der Bestie mit infernalischem Knurren und heißem Atem in die Flucht geschlagen worden sein. Verirrten und unschuldigen Wanderern hingegen soll der unheimliche Hund schon oft schweigend den sicheren Weg aus dem dunklen Wald gewiesen haben.
Danke fürs Lesen! Wer weiß, vielleicht hört ihr bei eurem nächsten Abendspaziergang im Odenwald plötzlich das dumpfe Stöhnen eines Riesen oder das Pferdegetrappel des Rodensteiners...