Bierfässer, Partyraum und Gebeine: Was unter Michelstadts Altstadt verborgen liegt

In Michelstadt im Odenwald kühlte ein Brauer seine Fässer mit Eis aus zugefrorenen Teichen. Später wurde in seinem Keller gefeiert. Ein paar Schritte vom Rathaus entfernt erzählt ein zweiter Keller, warum unter der alten Stadtschule einst Gebeine lagen. Bei Führungen im November und Dezember lassen sich einige dieser Unterwelten wieder betreten.

Im Januar 1837 ließ der Michelstädter Brauer Kilian Spiegel einen Eiskeller für sein Gasthaus bauen. Durch eine Öffnung über den Bierfässern warf man im Winter Eisblöcke hinunter. Sie sollten das Bier kühl halten, wenn draußen die Teiche wieder auftauten. Fast 150 Jahre später bekam der Keller eine neue Aufgabe. In den 1980er-Jahren feierte man dort Partys.

Das Eis fürs Bier kam von den Marbachwiesen

Die Arbeit im Eiskeller begann draußen vor der Stadt. Froren die Gewässer an den Marbachwiesen östlich von Michelstadt zu, schlug man Eis aus den Teichen und brachte es in die Keller. So beschrieb es die Michelstädter Gästeführerin Antje Vollmer 2021 bei einem Rundgang, den die Regionalzeitschrift Durchblick dokumentierte. Unten bei den Fässern kam es darauf an, dass möglichst wenig warme Luft nachströmte. Was der Winter an Kälte lieferte, sollte den Brauern auch dann noch nützen, wenn die Teiche längst wieder aufgetaut waren.

Um 1900 brauten in Michelstadt nach Angaben der Stadt noch 13 Gasthäuser ihr eigenes Bier. Wer heute zwischen Kirchplatz und Rathausgasse unterwegs ist, kann eine Spur dieses Handwerks schon von der Gasse aus entdecken. Über einer niedrigen Kellertür sind in den Stein die Jahreszahl 1756 und ein Küfer- und Brauerzeichen eingeritzt. Das Fachwerkhaus darüber diente seit 1745 als Brauhaus. Bei einer Erweiterung kamen im Sockel des Hauses ein Stall und der Bierkeller hinzu.

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Durch das Eisloch gelangte im Winter Teicheis zu den Bierfässern. Die KI-generierte Illustration zeigt, wie die Arbeit im Eiskeller des Michelstädter Brauers um 1837 ausgesehen haben könnte.

Warum ein Bierkeller so breite Treppen brauchte

Bei der Brauerei Dörr in der Hochstraße, damals etwas außerhalb der Altstadt, bestimmte das Fass sogar die Breite der Treppe. Peter Dörr hatte in Baltimore als Küfer gearbeitet, bevor er in den Odenwald zurückkehrte. In Michelstadt ließ er einen Keller in den Kalkstein bauen. Die beiden oberen Treppen waren so breit angelegt, dass die hölzernen Lagerfässer wieder hinaufpassten. Ein solches Fass fasste zwischen 1.700 und 2.700 Liter. Einmal im Jahr mussten die Brauer die leeren Fässer nach oben schaffen, um sie innen neu mit Pech auszukleiden.

In den 1920er- und 1930er-Jahren änderte sich die Arbeit. Die Brauerei schaffte eine Maschine an, die Eis in Stangen herstellte, und ersetzte Holzfässer durch Aluminiumtanks. Der alte Felsenkeller blieb Teil des Betriebs. Als die Familie in den 1960er-Jahren ihre neue Brauerei errichtete, baute sie die Abfüllanlage, das Lager und sogar das Wohnhaus über dem Keller.

Unter der Stadtschule lag ein Beinhaus, darüber standen Bücher an Ketten

An der Oberen Pfarrgasse sind zwei Keller älter als das Gebäude, das auf ihnen steht. Die Stadt ließ hier 1828 ihre Schule errichten. Einen der tiefen Räume im Sockel kannten die Michelstädter da schon lange als Kerner. Er gehörte zur Geschichte des Kirchhofs. Wenn man dort ein Grab für eine neue Bestattung öffnete, wurden die Gebeine der zuvor Bestatteten im Kerner aufbewahrt. Am 1. August 1791 fand die letzte Beerdigung auf dem Kirchhof statt.

Ausgerechnet über diesem Beinhaus konnten Michelstädter schon vor mehr als 500 Jahren Bücher lesen. Der Gelehrte Nicolaus Matz stiftete seiner Heimatstadt 1499 eine Bibliothek mit 117 gebundenen Büchern. Die Bände lagen an Ketten. Wer in der Stadt wohnte und lesen konnte, durfte sie an Ort und Stelle studieren. Sogar das Aufräumen regelte die Stiftungsurkunde. Nach der Lektüre sollte man die Bücher wieder zuklappen, ordentlich hinlegen und die Bibliothek abschließen.

Wie man Michelstadts Keller kennenlernen kann

Im Zweiten Weltkrieg suchten Menschen in Michelstadts Kellern auch Schutz vor Luftangriffen. Der Durchblick nennt zwei Keller, die dafür genutzt wurden. Der Luftschutz gehört heute zu den Themen der Stadtführung „Michelstädter Unterwelten“. Welche Räume der jeweilige Rundgang einschließt, gibt die Stadt in ihrer Ankündigung nicht an.

Die nächste Führung beginnt am Freitag, 6. November 2026, um 18 Uhr. Sie dauert etwa zwei Stunden und kostet 7 Euro pro Person. Ein weiterer Termin ist Freitag, 11. Dezember, ebenfalls um 18 Uhr. Die Stadt empfiehlt festes Schuhwerk und setzt Trittsicherheit voraus. Anmeldungen nimmt die Gästeinformation unter 06061 74610 oder touristik@michelstadt.de entgegen.